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Tide-Weiden-Auwälder an der Ems – wertvoller Lebensraum mit Wachstumspotenzial

NLWKN-Gutachten zeigt förderliche Maßnahmen auf


Weiden-Gebüsche an der Unterems - links die Ems als breiter Strom.   Bildrechte: Hans-Jürgen Zietz, NLWKN
Weiden-Gebüsche an der Unterems bei Leer dienen der Verbesserung des Biotopverbundes (Bild: Hans-Jürgen Zietz/NLWKN).

Von Sabine Zeiß und Hans-Jürgen Zietz

Im dynamischen Bereich zwischen Fluss und Meer stellen Tide-Weiden-Auwälder einen besonders wertvollen und zugleich stark bedrohten Lebensraum dar. Ein im Rahmen des Verfahrens zur Flexiblisierung der Staufunktion des Emssperrwerks erstelltes NLWKN-Gutachten bestätigt die diesbezügliche Verträglichkeit der geplanten Änderungen. Es zeigt aber auch auf, wo Potenziale für eine aus Perspektive des Naturschutzes erforderliche Vergrößerung der Auwald-Flächen an der Unterems liegen – und wie ihre positive Entwicklung begünstigt werden kann.

Wie alle Ästuare verbindet auch das der Ems die Lebensräume zwischen Fluss und Meer und zeichnet sich insbesondere durch eine hohe Dynamik aus. Der Wechsel von Ebbe und Flut oder die Veränderungen von Wasserströmungen und Salzgehalten stellen nur einige Faktoren dar, welche die Lebensbedingungen der Tiere und Pflanzen, die hier beheimatet sind, prägen.

Zu den Lebensgemeinschaften, die sich in besonderer Weise an diesen stetigen Wandel ihrer Wachstumsbedingungen angepasst haben, gehören auch die Tide-Weiden-Auwälder – heute einer der seltensten und am stärksten bedrohten Lebensräume Deutschlands. Dieser Biotoptyp steht als Bestandteil des prioritären Lebensraumtyps 91E0* unter dem strengen europäischen Schutzregime der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie.

Im Vordergrund fließt die Ems - in Hintergrund erkennt man dichten Baumbewuchs am Emsufer. Bildrechte: Zietz/NLWKN
Ein Tide-Weiden-Auwald (Biotoptyp WWT) am Vellager Altarm der Ems (Bild: Hans-Jürgen Zietz/NLWKN)

Natürlicherweise würden diese Auwälder weite Teile der Unteremsaue bedecken. Deichbau und die landwirtschaftliche Nutzung der Vorländer haben sie aber weitgehend verschwinden lassen, so dass sich heute vor den Deichen nur noch wenige kleinflächige Vorkommen finden lassen. Diese Bestände bedürfen des besonderen Schutzes und auch der Vergrößerung.

Im Zusammenhang mit dem Planfeststellungsverfahren zur Flexibilisierung der Staufunktion des Emssperrwerks übernahm der Bereich Regionaler Naturschutz des NLWKN am Standort Brake-Oldenburg die Aufgabe, die möglichen Auswirkungen der Flexibilisierung auf die Tideauwälder zu ermitteln und zu bewerten. Im gleichen Zuge sollten auch die ökologischen Grundbedingungen für den Erhalt und die Vergrößerung der vorhandenen Bestände ermittelt werden. Dieser Punkt ist ein Beitrag zur FFH-Managementplanung im FFH-Gebiet Unterems und Außenems, die in diesem Bereich maßgeblich vom Landkreis Leer als unterer Naturschutzbehörde verantwortet wird.

Blick ins Dickicht. Vereinzelt sind blühende Stauden zu sehen.   Bildrechte: NLWKN
Hochstaudenfluren, Röhrichte und Weiden-Auwälder gehören zu den ästuartypischen Lebensräumen in den Deichvorländern der Unterems bei Nüttermoor (Bild: Hans-Jürgen Zietz/NLWKN).

Tide-Auwälder weisen einige markante Eigenheiten auf: Die vorkommenden Weiden-Arten tolerieren häufige und dynamische Überflutungen, wie sie besonders in Ufernähe und entlang von Prielen und Altarmen auftreten. Als Charakterart der Tide-Weiden-Auwälder ist die Silber-Weide mit ihren seidenhaarigen, schmal-lanzettlichen Blättern besonders auffällig.

Bei höheren Fluten entstehen in der Tideaue durch Erosions- und Sedimentationsprozesse Bereiche mit offenen Rohböden, welche von Pionierarten – zu denen viele Weiden-Arten zählen – neu besiedelt werden können. Die besondere Strukturvielfalt und hohe Anzahl ökologischer Nischen (Kleinstlebensräume) der Weiden-Auenwälder bieten einer Vielzahl z.T. seltener Tierarten Lebensraum. Dazu zählen beispielsweise der Biber und die Teich-Fledermaus, Vogelarten wie Kleinspecht, Pirol und Nachtigall, aber auch Käferarten, die totholzreiche Biotope benötigen und weitere Tierartengruppen, die sich in dem ausgeglichenen, feuchten Klima der Auenwälder wohlfühlen.

Das vom NLWKN erstellte Fachgutachten zeigt auf, dass die geplante Flexibilisierung der Staufunktion keine signifikanten Auswirkungen auf die Auwälder haben wird. Im zweiten Teil des Gutachtens wurde in Zusammenarbeit mit dem Aufgabenbereich Landesweiter Naturschutz festgestellt, dass zur Erfüllung der Forderungen der FFH-Richtlinie eine Flächenvergrößerung erforderlich ist. Das Gutachten ermittelte hierfür geeignete Suchräume. Es machte zudem ergänzende Vorschläge für entsprechende Maßnahmen wie das Zulassen einer Fließgewässer- und Hochwasserdynamik z.B. durch den Rückbau von Uferbefestigungen, die Erhöhung des Anteils an Altholz sowie ein Belassen von liegendem und stehendem Totholz und die Förderung der Biotopvernetzung durch den Erhalt auch kleinerer Bestände.

Alle diese Inhalte sollen jetzt in einen von der unteren Naturschutzbehörde aufzustellenden Managementplan eingespeist werden.

Im Rahmen der Aufstellung des Managementplans gilt es allerdings auch Konflikte zu lösen, die sich bei einer natürlichen Vegetationsentwicklung in den Deichvorländern mit den Belangen des Hochwasserschutzes ergeben. Aus der Sicht vieler Deichverantwortlicher geben Wälder im Vorland, und insbesondere solche mit Alt- und Totholz, Anlass zu der Sorge, es könnten bei Sturm Stämme gegen den Deich getrieben werden und diesen beschädigen. Zwischen dem daraus resultierenden Interesse, Alt- und Totholz vorsorglich zu entfernen sowie neuen Gehölzaufwuchs zu verhindern, und der Wahrung und Wiederherstellung des günstigen Erhaltungszustandes des Lebensraumtyps besteht ein Widerspruch, der im Rahmen der Managementplanung bewältigt werden muss.

Ein gelblich-brauner Falter sitzt auf einem Stück Holz.  
Die Ockergelbe Escheneule (Atethmia centrago), ein in Niedersachsen als stark gefährdet eingestufter Nachfalter, kommt in den Weiden-Auwäldern im Emsästuar vor (Bild: C. Heinecke).
Blick durch Äste hindurch ins Grüne.  
Weiden-Auwälder weisen ein ausgeglichen-feuchtes Innenklima und vielgestaltige Kleinsthabitate auf (Bild: Hans-Jürgen Zietz/NLWKN).
Echte Engelwurz (Angelica archangelica) im Übergangsbereich zwischen Weiden-Auwald und Röhricht (Bild: Hans-Jürgen Zietz/NLWKN).  
Echte Engelwurz (Angelica archangelica) im Übergangsbereich zwischen Weiden-Auwald und Röhricht (Bild: Hans-Jürgen Zietz/NLWKN).
Silber-Weiden (Salix alba) im Vorland bei Coldam (Bild: Hans-Jürgen Zietz/NLWKN).  
Silber-Weiden (Salix alba) im Vorland bei Coldam (Bild: Hans-Jürgen Zietz/NLWKN).

Das naturschutzfachliche Gutachten zur Erhaltung und Entwicklung der Tide-Weiden-Auwälder im Emsästuar ist hier abrufbar.

Artikel-Informationen

Nds. Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz
Göttinger Chaussee 76a / Am Sportplatz 23
30453 Hannover / 26506 Norden
Tel: +49 (0)511 3034-3322 sowie +49 (0)4931/ 947 -173
Fax: +49 (0)4931/947 - 222

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