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Paludikultur in Niedersachsen

von Dorothea Rammes und Colja Beyer

Abhängigkeit der CO2-Emissionen (Einheit: t CO2-Kohlenstoff je Hektar und Jahr) vom Wasserstand (TIEMEYER et al. 2020*; verändert)   Bildrechte: NLWKN
Abhängigkeit der CO2-Emissionen (Einheit: t CO2-Kohlenstoff je Hektar und Jahr) vom Wasserstand (TIEMEYER et al. 2020*; verändert)

Landwirtschaftlich genutzte – und damit entwässerte – Moorböden nehmen in Niedersachsen eine Fläche von ca. 256.000 ha ein. Das entspricht ca. 10 % der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche. Die beschleunigte Mineralisation des Torfes führt zur Moorsackung, die ein bis zwei Zentimeter jährlich betragen kann, sowie zu hohen Treibhausgasemissionen und zu Stofffreisetzung. Aus diesen Flächen emittieren fast 7 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr.

Das entspricht ungefähr 30 % der gesamten Emissionen aus der niedersächsischen Landwirtschaft (inkl. Emissionen aus Böden). Besonders hoch sind die Emissionen bei einer Nutzung der Moorböden als Acker oder Intensivgrünland. Diese Flächen haben, ebenso wie artenarmes Extensivgrünland, keinen besonderen vegetationskundlichen Wert.

Unter Paludikultur versteht man die nasse Bewirtschaftung von Moorböden bei gleichzeitigem Erhalt des Torfkörpers und die damit einhergehende drastische Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen. Hierbei wird Torf durch ganzjährig hohe Wasserstände konserviert, die oberirdische Biomasse kann als nachwachsender Rohstoff geerntet und stofflich oder energetisch verwertet werden. Paludikultur kann daher eine Möglichkeit bieten, die Vernässung des Bodens und ein nachhaltiges Einkommen auf bisher intensiv landwirtschaftlich genutzten Moorböden zu vereinen.

Torfmoosanbau-Versuch des Landkreises Diepholz und der Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz (Interreg-Projekt CANAPE) auf einer Pilotfläche im Barver Moor   Bildrechte: Jens-Uwe Holthuis
Torfmoosanbau-Versuch des Landkreises Diepholz und der Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz (Interreg-Projekt CANAPE) auf einer Pilotfläche im Barver Moor

Auf Hochmoorböden können so zum Beispiel Torfmoose (Sphagnum) u. a. für die Herstellung von Gartenbausubstraten sowie Sonnentau (Drosera) für die Herstellung von Arzneimittel angebaut werden.

Auf Niedermoorböden ist der Anbau verschiedener Röhrichtpflanzen möglich. Schilf (Phragmites) und Rohrkolben (Typha) können zu Dämmstoffen oder zu Gartenbausubstraten verarbeitet werden, Rohrglanzgras (Phalaris) und Seggen (Carex) eignen sich z. B. zur energetischen Verwertung.

Projekte

Mit dem Ziel, Paludikulturen in Niedersachsen zu erproben und im Sinne des Klima- und Naturschutzes in die Praxis zu bringen, werden in der Betriebsstelle Brake-Oldenburg des NLWKN in Kooperation mit dem 3N Kompetenzzentrum in Werlte zwei Projekte im Rahmen des Programms „Niedersächsische Moorlandschaften“ vom niedersächsischen Umweltministerium sowie von der EU gefördert.

1. Die „Kompetenzstelle Paludikultur“ ist seit 2017 die zentrale Informationsstelle für Paludikultur in Niedersachsen. Die neue Nutzungsmethode von Moorböden soll bekannt gemacht und rechtliche, technische und wirtschaftliche Anbauhemmnisse erkannt und beseitigt werden. Die Vermarktung der erzeugten Produkte soll gefördert werden. Ziel ist es, die Chancen von Paludikulturen als Beitrag zum Klimaschutz und zum Naturschutz sowie zur Wertschöpfung in der Landwirtschaft zu nutzen. Dabei sollen sowohl die agrarstrukturellen und betriebswirtschaftlichen Risiken erkannt und, genauso wie die Risiken aus Sicht des Natur- und Umweltschutzes, weitestgehend vermieden werden. Ein umfassender Überblick über die Paludikultur in Niedersachsen ist unter www.paludikultur-niedersachsen.de zu finden.

2. In dem Projekt „Produktketten aus Niedermoorbiomasse“ werden Niedermoor-Paludikulturen vom Anbau über die Verarbeitung bis zur Vermarktung erprobt. Dafür arbeitet der NLWKN seit 2019 mit Projektpartnern aus Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Im Hohenbökener Moor in der Gemeinde Ganderkesee ist im Oktober 2020 die erste Niedermoor-Pilotfläche in Niedersachsen entstanden. Auf einer Fläche von etwa 4.500m² wurden Gräben und Dämme zur Vernässung angelegt und Rohrkolben- und Schilf-Stecklinge gepflanzt.

Rohrkolben- und Schilf-Pilotfläche im Hohenbökener Moor in Ganderkesee nach der Anlage im Oktober 2020: mit Spundwänden abgetrennte Bereiche zur Messung von Treibhausgasen auf unterschiedlichen Bodenqualitäten und Wasserständen  
Rohrkolben- und Schilf-Pilotfläche im Hohenbökener Moor in Ganderkesee nach der Anlage im Oktober 2020: mit Spundwänden abgetrennte Bereiche zur Messung von Treibhausgasen auf unterschiedlichen Bodenqualitäten und Wasserständen
Schilfernte auf nasser Paludikultur am Dümmer  
Schilfernte auf nasser Paludikultur am Dümmer
Fertigbauwand mit Einblasdämmstoff aus Breitblättrigem Rohrkolben  
Fertigbauwand mit Einblasdämmstoff aus Breitblättrigem Rohrkolben

Auf der Fläche werden die Auswirkungen einer Paludikultur auf die Treibhausgasemissionen, die Wasserqualität und die Biodiversität untersucht. Es wird erwartet, dass Paludikulturen einen Beitrag zum Klima- und Naturschutz leisten, indem die Zersetzung des Torfbodens gestoppt wird und eine Steigerung der Biodiversität in dem neuen Lebensraum eintritt.

Zwei weitere Pilotflächen sind im Rahmen dieses Projekts geplant, um den Anbau unter verschiedenen Bedingungen und in unterschiedlichen Regionen testen zu können.

Im Verwertungsteil des Projektes soll der Einsatz von Typha im Gartenbau als Torfersatz geprüft werden. Außerdem werden Dämmstoffe aus Typhamaterial hergestellt und Vergleichsmessungen mit herkömmlichen Dämmstoffen unterzogen.

Paludikulturen können somit, neben der wirtschaftlichen Nutzung von Moorflächen, einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Der größte Teil der landwirtschaftlich intensiv genutzten Moorflächen in Niedersachsen liegt außerhalb von Schutzgebieten und bietet damit ein großes Entwicklungspotenzial für den Moor- und Klimaschutz: ca. 50.000 ha Acker- und über 120.000 ha Dauergrünlandflächen, wie eine Potentialanalyse der Kompetenzstelle ergeben hat. Um Paludikulturen allerdings im großen Stil und als Alternative zur besonders klimarelevanten landwirtschaftlichen Nutzung von Moorflächen umzusetztenn besteht noch weiterer Forschungsbedarf und es bedarf der politischen Akzeptanz und Förderfähigkeit der Kulturen.


* Tiemeyer et al. 2020: A new methodology for organic soils in national greenhouse gas inventories: Data synthesis, derivation and applicatio. - Ecological Indicators, Volume 109, February 2020, 105838

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