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Wiesenvogelschutz in Niedersachsen

Fachleute fordern wirksamere Schutzmaßnahmen für bedrohte Wiesenvögel


Projektleiter Heinrich Belting stellte die Erfolge des LIFE-Projekts „Wiesenvögel“ heraus, forderte aber auch ein Umdenken in der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung in Vogelschutzgebieten Niedersachsens ein. (Foto: Silke Haack, NLWKN)   Bildrechte: Silke Haack, NLWKN
Projektleiter Heinrich Belting stellte die Erfolge des LIFE-Projekts „Wiesenvögel“ heraus, forderte aber auch ein Umdenken in der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung in Vogelschutzgebieten Niedersachsens ein. (Foto: Silke Haack, NLWKN)

Hannover. Drei Tage lang stand der Wiesenvogelschutz in Niedersachsen im Mittelpunkt einer gleichnamigen Fachtagung, zu der das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz in Kooperation mit den Veranstaltern, der Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz (NNA) und dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) nach Osnabrück eingeladen hatten. Die Veranstaltung stellte gleichzeitig den fachlichen Abschluss des LIFE-Projekts Wiesenvögel nach zehnjähriger Laufzeit dar. Die Erfolge des LIFE-Projektes sind beachtlich. Es konnten 900 Hektar erworben und insgesamt 2.500 Hektar wiedervernässt und für Wiesenvögel als Lebensraum aufgewertet werden. Am Dümmer ist es gelungen, die Bestände von seltenen Wiesenvögeln wie Rotschenkel, Brachvogel, Uferschnepfe und Bekassine wieder deutlich ansteigen zu lassen. „Das LIFE Projektgebiet hat sich zu einem der erfolgreichsten Wiesenvogelschutzprojekte in Europa entwickelt“, erklärte Heinrich Belting von der Staatlichen Vogelschutzwarte im NLWKN und Leiter des LIFE Projekts „Wiesenvögel“. Das Folgeprojekt (Integriertes LIFE Projekt „GrassBirdHabitats“) ging 2020 mit rund 27 Millionen Euro an den Start.

Sowohl Heinz Düttmann als auch Volker Brengelmann als Vertreter des niedersächsischen Umweltministeriums wiesen auf die große Verantwortung Niedersachsens für den Arten- und insbesondere den Wiesenvogelschutz hin. Das Land Niedersachsen stelle sich seinen Verpflichtungen und will in den kommenden Jahren auch über den Dümmer hinaus eine Trendwende erreichen, betonte Volker Brengelmann. Sämtliche zur Verfügung stehenden Schutz- und Förderinstrumente müssten dazu weiter optimiert werden.

Trotz der beachtlichen Erfolge am Dümmer oder an der Unterelbe wurde in vielen Vorträgen auch auf die weiterhin zurückgehenden Wiesenvogelbestände in vielen anderen Brutgebieten hingewiesen. Der Artenverlust auf den Feuchtwiesen und Weideflächen dauert bis auf den heutigen Tag an. Eine Entwicklung, die nicht auf Niedersachsen beschränkt ist, sondern für ganz Europa gilt.

Professor Theunis Piersma vom „Royal Netherlands Institute for Sea Research“ (NIOZ) warf die Frage auf, ob der Wiesenvogelschutz nicht eher ein Problem der Landwirtschaft als des Naturschutzes sei. Denn er beobachte eine parallele Entwicklung: Einerseits gehe die Zahl der Wiesenvögel zurück, andererseits auch die der landwirtschaftlichen Betriebe. Die verbliebenen Höfe wirtschaften intensiver, also weniger nachhaltig, was wiederum langfristig den Wiesenvögeln schade.

Von der EU-Kommission war Frank Vassen aus dem Dezernat für Umwelt und Naturschutz zugeschaltet und stellte den Wiesenvogelschutz als größte Herausforderung im Artenschutz in Europa dar. Er wies darauf hin, dass die Hauptursachen in den Brutgebieten lägen und dass aus Sicht der EU dort, wo der freiwillige Schutz nicht wirke, andere Maßnahmen ergriffen werden müssten. Die EU stelle hierfür Geld aus den Gemeinsamen Agrarmitteln im Rahmen der Natura 2000-Förderung zur Verfügung.

Über das Ziel sind sich die EU und das Niedersächsische Umweltministerium einig: Es geht darum, die ehemaligen Wiesenvogelbestände wiederherzustellen. Dazu sind alle Länder in der EU verpflichtet. Über den Weg dahin wurde in den Fachbeiträgen intensiv diskutiert. Eine große Schwierigkeit besteht demnach vor allem darin, dass Wiesenvögel sehr anspruchsvoll in Bezug auf ihren Lebensraum sind. Heinrich Belting benannte die Erfolgsfaktoren, die erfüllt sein müssten, damit Uferschnepfen erfolgreich brüten können. Hohe Wasserstände sind dabei ein Schlüsselfaktor wie die positive Bestandsentwicklung der Wiesenvögel am Dümmer nachdrücklich zeigt.

Freiwillige Maßnahmen auf Privatflächen

Auf Privatflächen wird versucht, Wiesenvogelschutz über freiwillige Maßnahmen zu erreichen. Vielen Landwirten sind die bisherigen Angebote aber zu unflexibel, so dass die Maßnahmen kaum nachgefragt und umgesetzt würden, berichtete Frank Kruse, der für das MU einen Rückblick auf die EU-Förderung der Agrar-Umweltmaßnahmen gab und über die neuen Fördermöglichkeiten ab 2023 berichtete. Unter anderem werde als neue Maßnahme für Wiesenvögel ein sogenanntes „Förderangebot zum Kiebitzschutz im Acker“ angeboten.

Auf den ersten Blick attraktiv, aber als alleiniges Mittel von geringer Wirksamkeit ist der bisherige punktuelle Schutz einzelner Gelege im Rahmen des so genannten „Küken- und Gelegeschutzes“. Hierbei werden die Gelege der auf dem Boden brütenden Wiesenvögel von Vogelschützern gesucht und markiert. Landwirte können die Gelege dann erkennen, umfahren und die Brut schützen. Diese Maßnahme hat zu einer über die Jahre gewachsenen Kooperation zwischen Landwirten und Naturschützern geführt. Das Problem ist jedoch, dass das Aufwachsen von Küken in einer weiterhin intensiv bewirtschafteten Landschaft zu einer hohen Sterblichkeit führt. Um einen größeren Effekt auf die Populationen der Wiesenvögel zu erzielen, möchte das Ministerium zu Schutzmaßnahmen in der Fläche übergehen und so die Wirksamkeit des Küken- und Gelegeschutzes verbessern. Für die fachlich notwendigen Maßnahmen erarbeitet das MU aktuell mit den landwirtschaftlichen Vertretern, den Landkreisen und den Naturschutzverbänden ein Wiesenvogelschutzkonzept im Rahmen der Umsetzung des Niedersächsischen Weges.

Der Verlust von Gelegen, Küken und Altvögeln durch Beutegreifer ist ein weiteres großes Problem. Ein ganzer Vortragsblock war daher diesem Thema gewidmet. Verschiedene Lösungsansätze wie die Ausbildung und der Einsatz von Berufsjägern, der Schutz von Brutvorkommen mit Elektrozäunen oder das Absammeln von Igeln auf Nordseeinseln wurden vorgestellt. Alle Maßnahmen hatten Dreierlei gemeinsam: Es braucht einen hohen und intensiven Arbeits- und Geldeinsatz, Ausdauer und Kontinuität sowie ein hohes Maß an Professionalisierung.

Landesweit hat Niedersachsen zur Erfüllung seiner internationalen Verpflichtungen 71 Europäische Vogelschutzgebiete ausgewiesen, von denen 32 Gebiete für den Wiesenvogelschutz bedeutsam sind. Dort befinden sich etwa 36.000 Hektar im öffentlichen Eigentum. Hier seien die Handlungsspielräume für einen erfolgreichen Wiesenvogelschutzentsprechend groß und müssten dringend genutzt werden, betonten die Projektträger. So werde es in den kommenden Jahren darauf ankommen, diese Gebiete mit Blick auf die Wiesenvögel gezielt zu optimieren und dabei alle Akteure einzubeziehen. Bei konsequenter Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen könne auch eine Wiederbesiedlung verwaister Brutgebiete gelingen.

Weitere Informationen zum Projekt gibt es auf der Homepage zum LIFE-Projekt Wiesenvögel



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Artikel-Informationen

erstellt am:
14.10.2022

Ansprechpartner/in:
NLWKN Pressestelle

Nds. Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz
Göttinger Chaussee 76a / Am Sportplatz 23
30453 Hannover / 26506 Norden
Tel: +49 (0)511 3034-3322 sowie +49 (0)4931/ 947 -173 und +49 (0)4931/ 947 -181
Fax: +49 (0)4931/947 - 222

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