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Satellitensender für den Vogelartenschutz

NLWKN-Naturschutzstation Dümmer erforscht Zugwege von Uferschnepfen - 2020 erstmals auch Vögel an der Unterelbe besendert


Frisch besenderter Altvogel “Timmers Oulestije“. Die Spitze des Senders schaut am Schwanzende aus dem Gefieder. Die Kombination der bunten Ringe und des Metallrings zeigt den Beringungsort und lässt das Individuum erkennen. (Foto: Christopher Marlow   Bildrechte: Christopher Marlow
Frisch besenderter Altvogel “Timmers Oulestije“. Die Spitze des Senders schaut am Schwanzende aus dem Gefieder. Die Kombination der bunten Ringe und des Metallrings zeigt den Beringungsort und lässt das Individuum erkennen. (Foto: Christopher Marlow

Mehrere Tage im Jahr besendern Mitarbeiter des LIFE-Projekts Wiesenvögel des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) die Uferschnepfen am Dümmer. Frühmorgens und bei Kälte hilft nur eine Wärmebildkamera, um die fast ausgewachsenen Jungvögel im Dickicht zu finden. Bereits 18 Vögel waren zu Jahresbeginn „auf Sendung“, 2020 sind drei Jung- und acht Altvögel dazu gekommen.

Seit 2018 werden die grazilen Vögel mit der rostroten Brust, dem langen Schnabel und dem markanten Ruf („Grütta-Grütta“) am Dümmer mit Satellitensendern ausgestattet. Die nur fünf Gramm schweren Sender übermitteln Daten über den Aufenthaltsort der gefährdeten Art während ihrer Reise ins afrikanische Winterquartier. Davon verspricht sich Projektleiter Heinrich Belting neue Erkenntnisse, die zum Schutz der Art beitragen können.

Im Fokus der Untersuchungen dieser sogenannten Satelliten-Telemetrie stehen neben den Zugrouten die Raststationen, Überwinterungsorte sowie die Mauser- und Sammelgebiete. Hier interessiert die Wissenschaftler, welche Lebensräume genutzt werden und wie sie vernetzt sind. Damit können Schutzbemühungen zielgenauer in die Wege geleitet werden. Die NLWKN-Mitarbeiter interessieren sich zudem, ob es zu einem Austausch zwischen den Populationen, also den Teilgruppen der Vogelart, in den unterschiedlichen Gebieten kommt.

Erste Erkenntnisse zur Zugstrecke und zur Zugstrategie

Was die Anzahl der Zwischenstopps oder die Reisegeschwindigkeit betrifft, so hat jede Uferschnepfe ihre eigene Zugstrategie. Bei der Wahl der Zugstrecke sind sich allerdings sämtliche Sendervögel vom Dümmer einig: Sie flogen bislang sowohl auf der Hin- als auch auf der Rückreise über Frankreich und Spanien. Lediglich bei einem Vogel wurde bisher ein Schleifenzug nachgewiesen, das heißt, dass sich Frühjahrszug und Herbstzug unterschieden: Der Vogel „Lenia“ flog über Frankreich und Spanien nach Afrika und nahm im darauffolgenden Frühjahr eine Route über Algerien und Italien mit Alpenüberquerung.

„Alle bislang am Dümmer besenderten Vögel sind zum Brüten zum Dümmer zurückgekehrt, viele sogar zu exakt derselben Parzelle,“ sagt Belting, der das Projekt seit 2011 leitet. Die regelmäßige Rückkehr zum Dümmer zeige eine ausgeprägte Standorttreue und spiegele gleichzeitig auch die gute Qualität des Lebensraums wider.

Individuelle Vogel-Persönlichkeiten: „Madame Kipp“, „Jana“ und „Timmers Oulestije“

Dass die Vögel ganz individuelle Persönlichkeiten sind, macht eine alte Dame unter den Uferschnepfen, genannt „Madame Kipp“, deutlich: Das mittlerweile mindestens 19 Jahre alte Weibchen brütete in diesem Jahr wieder am Dümmer. Nach der Brutzeit besuchte der Vogel im Juni die Rieselfelder Münster für einige Tage zur Rast, und inspizierte dabei kurzzeitig weitere Gebiete im Münsterland, in denen sie vor dem „Umzug“ zum Dümmer brütete.

Auch die 2018 geschlüpfte „Jana“ erregte das Aufsehen des Projektteams, da sie auf dem Rückflug, anders als ihre Artgenossen, erst viele Orte auskundschaftete, bevor sie in ihr Schlupfgebiet zurückgelangte. „Ob das viele Umherfliegen einen schlecht ausgeprägten Orientierungssinn, die Suche nach passenden Alternativbrutplätzen oder schlicht Neugierde beweist, ist schwer zu sagen“, so Christopher Marlow von der Universität Oldenburg, der über die Besenderung promoviert. Jedoch sei wahrscheinlich, dass die Vögel dazu lernen, wie der Vergleich zwischen Jung- und Altvogel-Routen nahelege.

Für eine den Wissenschaftlern bislang unbekannte Route entschied sich ein Vogel mit dem niederdeutschen Namen „Timmers Oulestije“. Er weilt nach einem „normal“ beginnenden Flug bis Südfrankreich nun am Tschad-See in Ost-Afrika. Dieser Flug erscheint außergewöhnlich, da der Vogel vom Dümmer anders als seine bislang beobachteten Artgenossen der westlichen Population einen rund 1.000 Kilometer weiteren Flug direkt über die Sahara auf sich nahm.

2020 erstmals auch Uferschnepfen an der Unterelbe besendert

Seit dem Frühjahr 2020 sind zusätzlich auch im EU-Vogelschutzgebiet Unterelbe vier ausgewachsene Uferschnepfen mit einem solchen „Rucksack“-Sender unterwegs. „Die Vogelart am Dümmer in der Diepholzer Moorniederung und an der Elbe ist zwar dieselbe, dennoch könnten völlig unterschiedliche Zugrouten genutzt werden“, erklärt Belting die Projekterweiterung. Denn die Vögel an der Unterelbe bei Freiburg lebten näher an der kontinentalen Population östlich der Elbe. Somit sei es möglich, dass diese sich eher der Route „Ost“ anschlössen, welche über die Alpen führe, während die Dümmer-Schnepfen über die Niederlande und Frankreich weiter nach Westafrika zögen. Dies hat sich jedoch 2020 bei den ersten vier Sendervögeln so nicht gezeigt.

Wer die spannende Reise der auf Feuchtwiesen angewiesenen Watvögel selbst live nachverfolgen möchte, kann dies auf einer Web-basierten Karte unter http://www.wiesenvoegel-life.de/kingofthemeadow.html tun. Die jeweils aktuellen Aufenthaltsorte der in Niedersachsen geschlüpften Schnepfen sind dort in Rot dargestellt. Die jeweils aktuellen Aufenthaltsorte der in Niedersachsen geschlüpften Schnepfen sind dort in Rot dargestellt. Die Routen der 2020 neu besenderten Vögel sind demnächst hier zu finden: https://www.globalflywaynetwork.org/flyway/east-atlantic-flyway-inland-waders/map.

Der unter Mitwirkung der Naturschutzstation Dümmer gedrehte Film „Die Rückkehr der Vögel“ wird am 14. August um 19.40 Uhr auf Arte und am 3. September um 17.25 Uhr im ZDF ausgestrahlt. Die Sendung „Plan B“ läuft am 5. September um 17.35 Uhr mit dem Beitrag „Die Vogelretter - Hilfe für bedrohte Arten“ im ZDF. Im Anschluss sind die Beiträge in den Mediatheken der Sender zu finden.

Hintergrundinformationen

Niedersachsen ist das wichtigste „Wiesenvogelland“ Deutschlands. Hier brüten große Anteile gesamtdeutscher Brutbestände wie beispielsweise Uferschnepfe, Kiebitz, Brachvogel, Rotschenkel, Bekassine und Wachtelkönig. Deshalb haben wir auch eine besondere Verantwortung für deren Schutz, nicht nur in Niedersachen und Deutschland, sondern auch in Europa. Dies gilt besonders für die Uferschnepfe. Die westliche Population hat in Europa nur ein sehr kleines Brutverbreitungsgebiet. In den Niederlanden und im westlichen Niedersachsen befinden sich zusammen über 90 Prozent aller Brutpaare dieser Population.

Mit dem Ende 2011 genehmigten LIFE+ Projekt stellt sich das Land Niedersachsen dieser Verantwortung mit Hilfe der Europäischen Union (EU). Bei einem Gesamtvolumen von 22,3 Millionen Euro ist das auf neun Jahre (bis 2020) angelegte Projekt das bislang größte Naturschutz-Projekt aus dem LIFE+ Programm der EU in Deutschland. Die EU fördert das Projekt mit 60 Prozent, also rund 13,5 Millionen Euro. 40 Prozent der Kosten trägt das Land Niedersachsen. Auch der Landkreis Leer und die Naturschutzstiftung des Landkreises Emsland beteiligen sich finanziell. Derzeit ist die Verlängerung des Projektes bis 2022 geplant.

In dem Projekt wird das Ziel verfolgt, die Kernflächen der Wiesenvogelschutzgebiete Niedersachsens speziell für die heimischen Wiesenvögel zu entwickeln und zu sichern. Diese Flächen liegen vor allem in den Landkreisen Wesermarsch, Leer, Aurich, Emsland, Cloppenburg, Vechta, den kreisfreien Städten Emden und Oldenburg sowie an der Unterelbe in Cuxhaven und Stade.

Die speziellen Schutzmaßnahmen sind notwendig, da der Bestand stark abgenommen hat. Hauptursache für den Rückgang der Wiesenvögel ist der agrarstrukturelle Wandel der vergangenen Jahrzehnte. Ein weiterer Faktor ist die Flächenentwässerung, denn die meisten Vögel dieser Art benötigen zu Brutbeginn im Frühjahr feuchte und nasse Flächen. Derartige Verhältnisse finden sich heute nur noch in sehr wenigen Schutzgebieten.

Artikel-Informationen

erstellt am:
24.08.2020

Ansprechpartner/in:
NLWKN Pressestelle

Nds. Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz
Am Sportplatz 23
D-26506 Norden
Tel: +49 (0)4931/ 947 - 288 / -173 sowie +49 (0)511 3034-3322
Fax: +49 (0)4931/947 - 222

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