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Die Sperrwerkssteuerung

Die Tideverhältnisse wie wir sie heute erleben, haben sich erst in den letzten 100 Jahren in der Unterweser entwickelt. Vor dem ersten Weserausbau 1888 wurde in Bremen ein Tidehub von 20 cm ohne Fließumkehrung beobachtet. Heute beträgt der mittlere Tidehub in Bremen-Oslebshausen 3,9 m. Während früher der Scheitelwasserstand bei schweren Sturmfluten von Bremerhaven bis Elsfleth abfiel und erst ab Farge sich der Oberwassereinfluss der Mittelweser bemerkbar machte, stieg bei den Sturmfluten am 28. Januar 1994 und am 10. Januar 1995 der Scheitelwasserstand bereits von Bremerhaven bis Brake an. Es wurde also in Brake ein höherer Scheitelwasserstand als in Bremerhaven registriert.

Durch die Weserausbauten wurde die "Tide nach Bremen geholt". Der Unterweserraum nimmt heute am Tidegeschehen unmittelbar teil. Während früher der Weserraum unterhalb der Stadt Bremen durch hohes Oberwasser bei Abflussbehinderung durch Sturmfluten bedroht wurde, wird dieser Raum jetzt durch Sturmfluten und Oberwasser bedroht.

Nicht nennenswert verändert hat sich die absolute Scheitelhöhe der extremen Wasserstände, wohl aber deren Häufigkeit. Extreme Sturmflutwasserstände wurden früher im Raum oberhalb von Elsfleth erst nach 2 bis 3 Tiden Vorlauf registriert, d. h. nur Kettentiden erzeugten extreme Sturmflutwasserstände. Heute nimmt der gesamte Unterweserraum bis zum Weserwehr in Hemelingen direkt am Tidegeschehen teil.

Weil aber früher die Bedrohung durch hohes Wasser wesentlich seltener erfolgte, hat sich an der Unterweser und deren Nebenflüssen eine für Tideflüsse einmalige Siedlungsstruktur entwickelt. Es wurde nicht nur teilweise der Deichbereich selber sondern auf weiten Strecken auch das Deichvorland besiedelt. In Elsfleth verläuft sogar die Bahnlinie vor dem Deich. Selbst der Bahnhof liegt im Deichvorland.

Um die Schifffahrt auf der Hunte so gering wie möglich zu behindern, soll das Huntesperrwerk möglichst selten geschlossen werden. Hierunter darf aber der Schutz vorhandener Infrastruktur und bebauter Bereiche nicht leiden. So erfordert besonders der Betrieb des Huntesperrwerks eine zentimetergenaue Tidewasserstandsvorhersage.

Aber auch der Betrieb der Lesum- und Ochtumsperrwerke lässt keine "statistischen Ausreißer" zu. Welchen Einfluss Fernwellen haben können, zeigt beispielhaft die Tide in der Nacht vom 23. auf den 24. November 1981. Eine bis über Tidehalbwasser praktisch normal verlaufende Tide steigt innerhalb von 2 Stunden auf 1,79 m über Mitteltidehochwasser an. Oder die Sturmflut in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1977: Der Tideanstieg beträgt mehr als 3 cm pro Minute und erreicht etwa 2 Stunden vor dem astronomischen Hochwasser einen 2,78 m höheren Wert als das Mitteltidehochwasser.

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