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Dokumentation des Hochwasser im Oktober / November 1998 im Einzugsgebiet von Weser, Aller und Leine

Bislang galt der Oktober als ein Monat, in dem so gut wie keine Hochwasserereignisse auftreten. Daher kam das Hochwasser im Jahr 1998 besonders an der Leine sehr überraschend. Seit Beginn der Aufzeichnung der Wasserstände im Jahr 1941 am Leinepegel Herrenhausen ist dieses Hochwasser das erste im Monat Oktober. Für die Weser ist statistisch alle zehn Jahre mit einem solchen Hochwasser zu rechnen, die Aller hat etwa alle drei Jahre ein solches Hochwasser. Für die Leine war es mit 587 cm am Pegel Herrenhausen das insgesamt vierthöchste gemessene Hochwasserereignis nach 1946, 1981 und 1987. Das Hochwasser 1946 war das höchste in diesem Jahrhundert aufgetretene Hochwasser an der Leine und noch etwa 60 cm höher (644 cm).

Ausschlaggebend für die Überschwemmungen waren neben den in der Vergangenheit vorgenommenen anthropogenen Veränderungen, wie Flussbegradigungen, Flächenversiegelungen, geänderte landwirtschaftliche Nutzungen, Kiesabbau und zunehmende Tendenz zur Bebauung in den Überschwemmungsgebieten, insbesondere die für diese Jahreszeit ungewöhnlich hohen Niederschlagsmengen. Im Landesdurchschnitt fielen in Niedersachsen im Monat Oktober 203 mm = 363 % der mittleren Monatsmenge. An der Niederschlagsstation Braunlage im Harz wurden im Oktober sogar 452 mm Niederschlag = 491 % gemessen, davon allein im Zeitraum vom 27.-31. Oktober 212 mm.

Weitere Stationen und Niederschlagsmengen für Oktober:

  • Göttingen: 172 mm = 399 %
  • Braunschweig: 150 mm = 340 %
  • Hannover: 139 mm = 322 %
  • Lingen: 254 mm = 431 %
  • Bremen: 173 mm = 333 %.

Diese intensiven Niederschläge haben zu den großen Hochwasserereignissen an Weser, Aller und Leine im Oktober und November 1998 geführt. Das Hochwasser ist dabei hinsichtlich der Abflussmengen statistisch etwa folgender Wahrscheinlichkeit zuzuordnen:

  • Pegel Bodenwerder alle acht bis zehn Jahre,
  • Pegel Porta alle zehn Jahre,
  • Pegel Herrenhausen alle 15 Jahre,
  • Pegel Rethem alle drei bis fünf Jahre,
  • Pegel Intschede alle zehn bis 15 Jahre.

Einzelheiten zum Hochwasser
Entscheidend für das Hochwasser waren die enormen Niederschläge. Folgende menschliche Handlungen haben aber zu einer Verschärfung der Hochwassersituation geführt: Viele Landwirte haben nicht rechtzeitig ihre landwirtschaftlichen Flächen in den Überschwemmungsgebieten geräumt. Durch Liegenlassen von Heuballen und deren Abtreiben kommt es in den durchströmten Bereichen innerhalb der Überschwemmungsgebiete zu Staubereichen, die lokal die Gefährdung von Objekten verstärken. Gleiches gilt für die nicht geräumten Campingplätze entlang der Gewässer.

Ein großer Verlust für die Landwirtschaft ist für die im Überschwemmungsgebiet gelegenen intensiv landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen aufgetreten. Die teilweise gerade abgeernteten Flächen waren ungeschützt der Erosion ausgesetzt und haben eine große Abtragsrate an Oberboden hinnehmen müssen.

Nicht zu unterschätzen ist gerade in Städten der private Schiffsverkehr. So hat beispielsweise ein Reeder im Stadtgebiet Hannover an der Leine seine Liegefläche oberhalb der Brücke am Schwarzen Bären. Diese Brücke ist im Falle eines Hochwassers ein Engpass und kann zu
Überschwemmungen innerhalb Hannovers beitragen. Werden die Schiffe nicht rechtzeitig aus der Ihme ausgeschifft, reicht bei steigendem Hochwasser die lichte Höhe der Brücken nicht mehr für die Schifffahrt aus. Sollte sich ein Schiff dann noch vom Liegeplatz losreißen und vor der Brücke querlegen, ist der entstehende Schaden immens.

Wasserkraftnutzer mit regelbaren Wehren müssen bei steigendem Hochwasser frühzeitig ihre Wehrfelder öffnen, um Oberlieger vor vermeidbaren Hochwassern zu schützen.

Das Hochwasser hat gezeigt, wie wichtig die Deichverteidigung und Kontrolle der bestehenden Deiche ist. Durchgeweichte Verwallungen, wie in Bordenau bei Neustadt und gesperrte Straßen innerhalb der überschwemmten Gebiete geben Hinweise, wo die Deichverteidigung und der Katastrophenschutz im Hochwasserfall von Seiten der zuständigen Verbände und Behörden verbessert werden können, zum Beispiel durch Aufstellung von Deichverteidigungskonzepten.

Positiv auf das Hochwassergeschehen haben sich die in den letzten Jahren durchgeführten Hochwasserschutzmaßnahmen ausgewirkt. Seit gedrosselter Regelung der Talsperre in Fischbeck für den Nährenbach, dem Bau der Hochwasserschutzverwallung in Werder an der Nette bei Bockenem, die bereits ausgeführten Teile der Hochwasserschutzmaßnahme in Gronau (Leine), usw. sind einzelne Gemeinden oder Gemeindeteile von Hochwasser verschont geblieben.

Überregionaler Hochwassermeldedienst
Bei bestimmten Hochwasserständen (Meldestufe 2) - in etwa Ausuferungswasserstand - tritt der Überregionale Hochwassermeldedienst (ÜHWD), vertreten durch das Land Niedersachsen und der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Mitte, zusammen.

Konsequenzen
Das Hochwasser im Oktober / November 1998 an Weser, Aller und Leine wie auch die Hochwasserereignisse der vergangenen Jahre zeigen deutlich, wie wichtig der vorsorgende Hochwasserschutz für die Bevölkerung und die Gemeinden ist. Als Schlagworte sollen hier genannt werden:

  • Freihaltung der Überschwemmungsgebiete und Retentionsräume
  • Neuausweisung bzw. Überarbeitung der gesetzlichen Überschwemmungsgebiete,
  • Rückgewinnung von Retentionsräumen,
  • Berücksichtigung bei der Bauleitplanung,
  • Vorsorgende Information der Bevölkerung über überschwemmungsgefährdete Bereiche,
  • Aufstellung von Gefahrenabwehrplänen für den Hochwasser- und Deichverteidigungsfall,
  • Revitalisierung der Gewässer und der Auen,
  • Schaffung von Rückhalteräumen,
  • Verstärkung und Anpassung der vorhandenen Hochwasserdeiche und - verwallungen,
  • neue Maßnahmen zum Schutz hochwassergefährdeter Objekte,
  • Verbesserung des Vorhersage- und Meldesystems beim ÜHWD durch verstärkten Einsatz von EDV.

All diese Maßnahmen werden nach dem Entwurf des Aktionsplanes "Vorsorgender Hochwasserschutz Weser" für Niedersachsen Kosten von mindestens 200 Millionen Euro verursachen.

Hochwasser 1998 an der Leine bei Bordenau  

Hochwasser 1998 an der Leine bei Bordenau

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